Die Kernaufgabe von Unternehmen

Im Zusammenhang mit den Sanktionen gegen Russland stehen die grossen Unternehmen erneut unter dem Druck, sich «moralisch» zu verhalten. Aber Unternehmen sollten nicht «die Welt retten» und die politische Korrektheit pflegen, sondern in erster Linie ihre Kernaufgabe wahrnehmen: die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen.

Das moralische Wohlverhalten von Unternehmen ist für die Linke – und viele Junge – ein politischer Dauerbrenner. Nun ist das Thema im Kontext der Sanktionen gegen Russland wieder hochgekocht. Schon zuvor standen die Unternehmen in Sachen Diversity und Woke unter erheblichem Druck, dem sie zu oft nachgeben.

In einer privaten Gesprächsrunde rechtfertigten unlängst zwei Wirtschaftsführer unisono das nachgiebige Verhalten damit, dass der Druck der Belegschaften so gross sei, dass die Unternehmensführungen gar nicht anders könnten, als im modischen Mainstream mitzuschwimmen. Ich meine, dass man mit dieser Art von moralischen Anforderungen den Auftrag von Unternehmen verkennt und zugleich den Minderheiten zu viel Gewicht gibt.

Zunächst: Es sind immer Menschen, nie Organisationen, die sich moralisch oder unmoralisch verhalten. Die Geschäftsleitung kann etwas anordnen, was die Belegschaft dann umsetzt. Das Einhalten von Vorgaben oder Gesetzen macht die Mitarbeiter aber nicht moralisch, sondern nur gehorsam oder gesetzestreu. Die Aufgabe von Unternehmen ist es, mit Produkten und Diensten, für die eine Nachfrage besteht, den Kunden zu dienen sowie Gewinne zu machen, die das Gedeihen des Unternehmens sichern und die Investoren bei der Stange halten – natürlich im Rahmen der Gesetze und der Sittlichkeit.

Gelingt das, schaffen sie Arbeitsplätze, auch bei den Lieferanten, generieren Einkommen und leisten mit Steuerzahlungen einen Beitrag an das Gemeinwesen. Das ist, um ein Modewort zu verwenden, Purpose genug. Die generelle «Verbesserung der Welt», wie sie am WEF in Davos jeweils vollmundig verkündet wird, obliegt dagegen nicht den Unternehmen, sondern den Bürgerinnen und Bürgern, die in Demokratien im politischen Prozess Mehrheiten gewinnen müssen.

Dazu kommt, dass sich die Moral selbst in einem schrecklichen Krieg wie dem in der Ukraine einfachen Antworten entzieht. Das wichtige Anliegen, dank Sanktionen den Krieg zu beenden (wobei man nicht weiss, ob es gelingt), steht in Konkurrenz mit der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern in Russland, den Kunden und der gesamten Firma. Vielleicht ist der Mittelweg, für den sich Nestlé entschieden hat (die Produktion nur weniger lebenswichtiger Produkte), richtig. Vielleicht ist er aber ein fauler Kompromiss, schlechter als ein totaler Rückzug oder das volle Weiterbetreiben der Produktionsstätten in Russland.

Urteilen können wir wohl erst in einigen Jahren. Bis dahin sollte man davon ausgehen, dass die Unternehmensführungen ihre Entscheide nach bestem Wissen und Gewissen fällen. Die Empörung über Unternehmen, die angeblich zu wenig divers, woke oder – nun eben – Russland-kritisch sind, wird zu oft nicht von Argumenten, sondern von grosser Lautstärke und wenig reflektierten Emotionen befeuert.

Sosehr es selbstverständlich werden muss, die Gefühle von Minderheiten zu respektieren, so sehr erwartet man von Unternehmen, dass sie in politischen und gesellschaftlichen Fragen nicht zu sehr nach der Pfeife der pauschal urteilenden Lauten und Empfindlichen tanzen, sondern sich auf ihre Kernaufgabe besinnen.

Erschienen in der NZZ vom 05. April 2021

Gerhard Schwarz - Kuratorium LiberethicaAutor:
Gerhard Schwarz war Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und ist heute Präsident der Progress Foundation.
Mitglied Kuratorium Liberethica.

Gerhard Schwarz - Kuratorium Liberethica

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Gerhard Schwarz war Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und ist heute Präsident der Progress Foundation. Mitglied Kuratorium Liberethica.

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