Dem Moralismus von links entgegentreten

LIBERETHICA – Der neu gegründete Think-Tank der Wirtschaft will Gegensteuer zur Gesinnungsethik geben und mit ethischen Argumenten aus liberaler Sicht dagegenhalten.

In der Politik geht es immer öfter um Gut oder Böse, nicht mehr um Richtig oder Falsch. Das spiegelt sich auch in den zunehmend moralisch aufgeladenen Abstimmungskämpfen wider: Da kämpfen Menschenrechtsbewahrer gegen Ausbeuter, Naturfreunde gegen Giftspritzer, Klimaschützer gegen Stromriesen, da geht es um Gerechtigkeit statt Profit, um eine frauenfreundliche statt frauenfeindliche AHV-Reform. Wirtschaftsskeptische Akteure wie linke Parteien, NGO und teilweise auch die Kirchen pachten die Moral für sich und beanspruchen die Deutungshoheit darüber, was ethisch sei.

Gesinnungsethik oder Ethik
Dabei argumentieren sie fast ausschliesslich gesinnungsethisch, will heissen, ohne die Konsequenzen und die Praxistauglichkeit von Entscheidungen zu bedenken. Auf ethische Argumente, die zunehmend an Einfluss in der politischen Meinungsbildung gewinnen, reagiert die Wirtschaft vorwiegend defensiv. Dabei haben gerade die Debatten im Zusammenhang mit der Abstimmung über die KVI und Pestizidinitiative gezeigt, dass man ethische Fragen nicht mit wirtschaftlichen Argumenten bodigen kann, sondern ihnen mit ethischen Argumenten begegnen muss.

Die Defensivhaltung ablegen
Aus diesem Grund will der unlängst von Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kirche gegründete Think-Tank «Liber-ethica» Wirtschaftsakteure dabei unterstützen, aus ihrer ethischen Defensivhaltung auszubrechen. Dem Moralismus von links soll mit einer ethischen Offensive aus liberaler Sicht begegnet werden. Der moralischen Überheblichkeit wirtschaftsskeptischer Kreise, die Andersdenkenden jede Moral absprechen, ist entgegenzuhalten, dass ein Unternehmen, das ethisch wirtschaftet, nicht einfach eine hehre Gesinnung durchboxen kann, sondern immer auch die Reichweite der Folgen von Entscheidungen mitbedenken muss.

Ein in der Pflanzenproduktion tätiges Unternehmen, das ethisch handelt, wird genau überlegen müssen, ob es ganz auf Pflanzenschutzmittel verzichten und dadurch in Kauf nehmen will, dass bestimmte Kulturen wegfallen, was nachteilige Folgen für den Gesamtbetrieb und dessen Angestellte hätte.

Güterabwägung erforderlich
Gerade vonseiten der Wirtschaft ist deshalb daran zu erinnern, dass moralisch eindeutige Lösungen in der Praxis kaum zu haben sind: Weil die Realität nicht einfach schwarz oder weiss ist, treten oftmals Wertkonflikte auf, die eine Güterabwägung zwischen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfordern.

Wenn die Wirtschaft das ethische Feld nicht einfach wirtschaftsskeptischen Kreisen überlassen will, wird sie sich künftig vermehrt darum bemühen müssen, ihre liberalen Positionen auch ethisch zu reflektieren und zusätzlich zu ökonomischen auch ethische Argumente in die politische Waagschale zu werfen.

Dies könnte im Blick auf die bevorstehende Abstimmung zur AHV-Reform heissen, dass die Wirtschaft ein tieferes Rentenalter der Frauen auch und vor allem deshalb bekämpft, weil es zutiefst unethisch ist. Dass am Privileg der Frauen festgehalten werden soll, wie das linke und wirtschaftsfeindliche Kreise wollen, ist nämlich insofern unethisch, als dies auf Kosten der Jungen geschieht, die am Ende dafür die Zeche bezahlen müssen.

Erschienen in der Schweizerischen Gewerbezeitung am 07. März 2022

Dr. Béatrice Acklin Zimmermann - Kuratorium LiberethicaAutorin:
Béatrice Acklin Zimmermann
Moderatorin und Publizistin.
Geschäftsführerin und Mitglied Kuratorium Liberethica.

Dr. Béatrice Acklin Zimmermann - Kuratorium Liberethica

Autorin:
Béatrice Acklin Zimmermann
Moderatorin und Publizistin.
Geschäftsführerin und Mitglied Kuratorium Liberethica.

Weitere Beiträge von Liberethica:

Leichtfertiger Umgang von Bundesrat und Parlament mit der Verfassung

Kurt Fluri über den leichtfertigen Umgang von Bundesrat und Parlament mit der Verfassung und wieso dies die Frage der Notwendigkeit eines Verfassungsgerichts in neuem Licht erscheinen lässt.
Timeckert / Shutterstock.com

Gleichstellung: gegen das Opfer-Lamento von links

Béatrice Acklin Zimmermann und Jill Nussbaumer über das Narrativ der allüberall benachteiligten Frau und wieso dieses kontraproduktiv ist. Warum sie vielmehr für eine vielfältigere und weniger ideologische Gleichstellungspolitik plädieren.

Offener Brief an HEKS

Das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) unterstützt bzw. managt die Klage von vier Einwohnern der indonesischen Insel Pari gegen den Schweizer Konzern Holcim. «église à venir – Kirche in Freiheit und Verantwortung» ist befremdet über diesen populistischen Aktivismus des kirchlichen Hilfswerks.

Der verpönte Kapitalismus

Ob Armut, Klimawandel, Seuche oder Krieg – der Kapitalismus ist für viele Intellektuelle die Ursache allen Übels. Béatrice Acklin Zimmermann geht der Frage nach, warum das so ist.

Adriel Jost über die Zinswende der Nationalbank

Unser Kuratoriumsmitglied Adrian Jost im Gespräch mit Marc Lehmann über die Zinserhöhung der SNB und die Sorgen um eine wachsende Inflation.

Firmen pflegen neu eine Bürokratie des Guten – statt zu investieren

«Unternehmensverantwortung» zwar vernünftig, aber oft nicht vereinbar mit den Nachhaltigkeitszielen der Uno. Philipp Aerni schreibt in seinem Gastkommentar über dieses Paradox, veröffentlicht in der NZZmagazin.

Verantwortungsvolle Politik hat immer das Gemeinwohl im Auge: ethische Überlegungen zur Frontex-Abstimmung

Béatrice Acklin Zimmermann und Kurt Fluri über die ideologischen Argumente der Gegner des Frontex-Ausbaus, die mögliche Folgen für die Gesamtgesellschaft und damit auch für die Flüchtlinge selbst ausblenden.

Die Kernaufgabe von Unternehmen

In seiner Kolumne für die NZZ befindet unser Kuratoriumsmitglied Gerhard Schwarz, Unternehmen sollten nicht «die Welt retten» und die politische Korrektheit pflegen, sondern in erster Linie ihre Kernaufgabe wahrnehmen.

Dem Moralismus von links entgegentreten

Béatrice Acklin Zimmermann über Liberethica: «Der neu gegründete Think-Tank der Wirtschaft will Gegensteuer zur Gesinnungsethik geben und mit ethischen Argumenten aus liberaler Sicht dagegenhalten.»

Weshalb die Sanktionspolitik des Westens ein Ausdruck von Hilflosigkeit ist

In seiner Kolumne für die NZZ bezweifelt unser Kuratoriumsmitglied Gerhard Schwarz, dass die Sanktionen Putin von seiner Aggressionspolitik abbringen.

Künstler haben das Recht, sich nicht politisch äussern zu müssen

Béatrice Acklin Zimmermann sinniert in ihrem Gastbeitrag für die NZZ über die Freiheit der Kunst und warum sie gegen jede Form politischer Bevormundung und Moralisierung verteidigt werden muss.

Russland aufgeben oder treu bleiben? Was Firmen nun bedenken müssen

Schadet man mit einem Rückzug vor allem dem Regime oder den Landsleuten? Philipp Aerni gibt zu bedenken, dass eine Firma damit dazu tendiert, Konsumenten, die unter einem autoritären Regime wie in Russland leben müssen, generell zu benachteiligen. Eine solche «Bestrafung» sieht er kritisch.
Maja Ingold - Kuratorium Liberethica

«Gefährliche Überheblichkeit zu wissen, wer auf der richtigen Seite ist»

Replik unserer Präsidentin Maja Ingold auf einen Beitrag von Daniel Kosch, dem Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ).

Die Kirche ist kein Lautsprecher für die Kampagne politischer Gruppierungen

Die Replik von Béatrice Acklin Zimmermann auf einen Beitrag des Zürcher Grossmünsterpfarrers Christoph Sigrist, über die politisch engagierte Kirche, erschienen in der NZZ. «Die Kirche sollte selber Themen setzen und sich mit eigenen Beiträgen in den öffentlichen Diskurs einbringen.»

Das Problem mit der Verklärung der Unabhängigkeit der Universität

Die Universität als Ort «der Integrität, Unabhängigkeit und Verlässlichkeit»? Wohl kaum. Philipp Aerni antwortet auf einen Kommentar von Markus Müller, veröffentlicht in der NZZ.

Die kirchliche Einmischung in die weltliche Politik hat Grenzen

Matthias Müller erläutert im Nebelspalter, wieso es Kirchen nicht zu steht, politische Parolen auszugeben. Möchte sie aber dazu in der Lage sein, muss sie auf gewisse Privilegien verzichten.
FÜR MEHR BESCHEIDENHEIT AUF DEN KANZELN - Liberethica

Für mehr Bescheidenheit auf den Kanzeln

Im Beitrag der NZZ erläutert unser Kuratoriumsmitglied Gerhard Schwarz, wieso gut gemeinte Positionsbezüge in mehrfacher Hinsicht problematisch sein können.
CHRISTENTUM UND «KAPITALISMUS» - Liberethica

Christentum und «Kapitalismus» – Lässt sich Konkurrenzdenken mit Nächstenliebe und Barmherzigkeit vereinbaren?

In einem Gastkommentar in der NZZ beschäftigt sich Stephan Wirz mit der Frage, ob sich Konkurrenzdenken mit Nächstenliebe und Barmherzigkeit vereinbaren lassen.
Was hat die Kirche eigentlich gegen die Wirtschaft?

Was hat die Kirche eigentlich gegen die Wirtschaft?

Heute wird zwischen Kirche und Wirtschaft nicht einmal mehr gestritten. Béatrice Acklin Zimmerman ist überzeugt, das muss sich ändern. In einem Gastkommentar in der NZZ erklärt sie, warum.
Liberethica – Plädoyer für eine Zusammenführung von Liberalismus und Ethik

Liberethica – Plädoyer für eine Zusammenführung von Liberalismus und Ethik

In seinem Gastbeitrag diskutiert Peter Wuffli, wie freiheitliche Prinzipien und ethische Reflexion in aktuelle politische Grundsatzfragen und demokratische Entscheidungsprozesse einfliessen können.
Wem gehört die Moral?

Wem gehört die Moral?

Der NZZ-Beitrag von Béatrice Acklin Zimmermann handelt vom Unterschied zwischen Moral und Moralismus und davon, dass mit der fortschreitenden Globalisierung nicht nur die ethischen Herausforderungen zunehmen, sondern sich auch moralische Dilemmata häufen.
Eine ganzheitliche Sichtweise der Ethik muss sich vom bi-polaren Denken verabschieden

Eine ganzheitliche Sichtweise der Ethik muss sich vom bi-polaren Denken verabschieden

/
In seinem Gastbeitrag diskutiert Philipp Aerni den Unterschied zwischen Unternehmer- und Wächtermoral.