Liberethica – Plädoyer für eine Zusammenführung von Liberalismus und Ethik

Liberethica – Plädoyer für eine Zusammenführung von Liberalismus und Ethik

In welchem Verhältnis stehen Freiheit und Ethik? Welche Inhalte dieser Ideen stehen heute im Vordergrund? Welche ethischen Normen gelten in einem zunehmend post-faktischen Zeitalter, in dem zentrale Einsichten der Aufklärung in Frage gestellt werden? Wie sollen freiheitliche Prinzipien und ethisches Reflektieren ihren Niederschlag in aktuellen politischen Grundsatzfragen und demokratischen Entscheidungsprozessen finden?

Ein Bedürfnis nach Antworten auf solche und ähnliche – für ein friedliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft hoch relevante – Fragen waren der Anlass zur Gründung von Liberethica, einem Thinktank, der dem Zweck verpflichtet ist, ethische Orientierung auf freiheitlichem Fundament anzubieten und diese wirkungsvoll zu kommunizieren.

Waren im 18. Jahrhundert freiheitliches Denken und Ethik noch eng verknüpft, haben sich vor allem in den letzten Jahrzehnten (Wirtschafts-)Liberalismus und Ethik immer mehr von einander entfernt. So hat Adam Smith (1723-1790), der Begründer der Marktwirtschaft, in seinen zwei Hauptwerken, dem „Wohlstand der Nationen“ und der „Theorie ethischer Gefühle“ liberale Wirtschaft und Ethik als ergänzende, aber eng verbundene Perspektiven auf menschliches Handeln gesehen. In jüngerer Zeit erscheint vielen Beobachtern eine liberale Ordnung als ethisch neutral bis negativ während professionelle Ethiker oft wirtschaftsfern bis wirtschaftsfeindlich in ihren Elfenbeintürmen wirken.

Dabei betrifft freiheitliches (politisches und wirtschaftliches) Handeln jeden von uns, sei es als Staatsbürger, Wählende, Konsumenten, Arbeitnehmende, Investierende oder Steuerzahler. Und die Kernfragen der Ethik: Was ist gutes Leben? Was ist verantwortliches Handeln? Was ist fair/gerecht unter den Menschen? gehen ebenfalls alle – ganz konkret im täglichen Leben – etwas an.

Globale ethische Hauptaufgaben

Heute, im Zeitalter der Globalisierung, sind wir ganz besonders gefordert. Mit der globalen Pandemie ist – zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte – praktisch die gesamte Weltbevölkerung gleichzeitig mit dem gleichen gravierenden Problem konfrontiert, das dringlich angegangen werden muss. Wir machten die ungewohnte Erfahrung, wie rasch und bedenkenlos fundamentale individuelle Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten durch staatliche Massnahmen massiv eingeschränkt wurden.

Mittelfristig stehen zwei weitere globale Herausforderungen im Vordergrund: erstens, die Erreichung des UNO Nachhaltigkeitsziels Nummer 1, nämlich die Bekämpfung der Armut. Und zweitens, die Verhinderung einer weiteren Klimaerwärmung, dies gerade auch im Hinblick auf Armutsbekämpfung, da die Aermsten am meisten unter Klimaverschlechterungen leiden werden.

Diese beiden globalen Hauptaufgaben sind ethischer Natur: Deren Bewältigung dient dazu, gutes Leben zu fördern und zu schützen, Verantwortung zu demonstrieren und Fairness anzuwenden. Es ist der Menschheit zu wünschen, dass die beiden bedeutendsten Mächte dieser Erde diese ethischen Aufgaben als Auftrag zur Herausbildung einer globalen Problemlösungsgemeinschaft erkennen, und nicht zu stark in die alten Denkmuster des hegemonialen Machtstrebens und des kalten Krieges zurückfallen.

Viel Ermutigendes zu diesen globalen ethischen Aufgaben, die oft auch unter dem Begriff der Nachhaltigkeit zusammengefasst werden, wird bereits geleistet. So haben die 2015 von der UNO verabschiedeteten 17 Nachhaltigkeitsziele weltweit eine unglaubliche Mobilisierungskraft entwickelt. Zahlreiche globale Konzerne haben sie ins Zentrum ihres Zwecks und ihrer Strategien gestellt. Eine ganze Industrie, Impact Investing, ist entstanden, die mittlerweise USD 700 Mrd. Kapital mobilisiert hat und im wesentlichen diesen Zielen dient. Immer mehr institutionelle Investoren fordern von den Firmen, an denen sie beteiligt sind, Aktionspläne mit messbaren Impact Zielen. Kunden, Mitarbeitende und wirkungsvolle Akteure der Zivilgesellschaft stellen hohe und steigende Erwartungen an das nachhaltige, ethische Verhalten von Wirtschaftsunternehmen.

Geforderte und gefährdete Freiheit

Weshalb nun ist eine Neuzusammenführung von Liberalismus und Ethik so wichtig und dringend? Vor über 2000 Jahren entstand in Europa und im mittleren Osten durch eine Kombination von Christentum und griechischer
Philosophie eine mächtige Bewegung zur Anerkennung individueller Würde und Freiheit der Menschen. Diese setzte sich über viele Jahrhunderte in einem Geist der Aufklärung durch Wissen und Wahrheitssuche durch und kulminierte in freiheitlichen Wirtschaftsordnungen und liberalen Demokratien in einer Vielzahl von Ländern unseres Planeten.

Dieser freiheitliche Ansatz, der vor allem die „National-Oekonomien“ prägte, ist im Zeitalter der Globalisierung vielfältig gefordert und gefährdet. Ungeduldige Weltproblemlösungsaktivisten fordern „System change, not climate change“. Was sie damit meinen ist oft nichts weniger als eine politische Revolution als Ersatz für langwierige demokratische Willensbildungs- und Entscheidungs-prozesse. Dabei verkennen sie, dass Revolutionen in der Menschheits-geschichte regelmässig ihre gesetzten Ziele nicht erreichten, mit viel Blutvergiessen verbunden waren und zu unsäglichem Leid vor allem für die Aermsten führten.

Weitere Bedrohungen entstehen durch eine starke Verbreitung autoritärer Regimes, welche den Rechtsstaat demontieren und durch populistische Rhetorik die Meinungsfreiheit beeinträchtigen. Und schliesslich wird Liberalismus durch die intensive Konkurrenz alternativer Weltanschauungs-systeme – etwa dem Islam oder dem Kommunismus chinesischer Prägung – herausgefordert.

Es ist meine feste Ueberzeugung, dass eine Lösung der grossen ethischen Aufgaben unserer Zeit freiheitliche Ansätze benötigt. Bill Gates hat in seinem kürzlichen Buch zum Klimawandel darauf hingewiesen, in wie vielen Gebieten nötiges Wissen und wirkungsvolle Technologien noch fehlen, um bis 2050 das CO2 Netto Null Ziel zu erreichen . Entsprechende Erfindungen und Innovationen, neue Produkte und neue Verfahren, das braucht individuelle Kreativität und Unternehmergeist, Ambition und Tatkraft, Risikobereitschaft and Widerstandskraft, alles Qualitäten, die vor allem unter freiheitlichen Bedingungen gedeihen.

Aehnliches gilt für die Armutsbekämpfung: Die 2006 von meiner Frau und mir gegründete Stiftung elea Foundation for Ethics in Globalization setzt zur Erreichung ihres Zwecks, der Bekämpfung absoluter Armut mit unter-nehmerischen Mitteln, auf das Motto „Impact through Entrepreneurship“. Gemäss unserer Erfahrung sind die vielversprechendsten Wege zu einer nachhaltigen Armutsbekämpfung die Förderung innovativer Impact-Unternehmen, die sowohl wirksam Armut bekämpfen, wie auch wirtschaftlich erfolgreich sind. Auch dafür sind freiheitliche Bedingungen unabdingbar.

Neue Aufklärung

Der Pfad der liberalen Ethik zur Bewältigung globaler Herausforderungen der Menschheit entspricht einer Gratwanderung. Er setzt einen positiven Freiheitsbegriff voraus, gemäss dem von Menschen mit mehr Freiheiten im Sinne von Fähigkeiten, Ambitionen und Ressourcen höhere Messlatten in der Wahrnehmung ihrer Verantwortung erwartet werden. Dieser grenzt sich ab von libertärem Egoismus ohne Zeichen von Engagement und Verantwortung für gesellschaftliche Belange, da dieser die breite Akzeptanz von Ungleichheit als unausweichlicher Konsequenz des Liberalismus massiv erschwert und so friedliches Zusammenleben gefährdet.

Liberale Ethik ringt um Antworten in einem Prozess der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Lösungsmöglichkeiten auf der Basis von Meinungsvielfalt und Ideenwettbewerb. Neben Verantwortungsbewusstsein ist dafür ein verbreitetes Verständnis von Prinzipien der Wahrheitssuche nötig, das letztlich auf Einsichten aus der Zeit der Aufklärung zurückgeht. Dazu gehören die Akzeptanz von universal gültigen Fakten und moralischen Tatsachen, die Bereitschaft zum respektvollen Umgang mit Andersdenkenden und die Fähigkeit zum offenen, aber lösungsorientierten Dialog. Der Bonner Philosoph und Ethiker Prof. Markus Gabriel bringt es auf den Punkt, wenn er eine neue Aufklärung fordert und den Hauptgedanken der Aufklärung so beschreibt, „dass man durch Einsatz von Vernunft gemeinsam daran arbeiten kann, herauszufinden, was wir tun und was wir unterlassen sollen.“

Intoleranter Moralismus einzelner Gesellschaftsgruppen mit starkem Identitätsbewusstsein, staatlich verordnete Denkverbote in wichtigen Wissensgebieten (z.B. Nuklearenergie, Genforschung), die Beschimpfung Andersdenkender mit Begriffen aus dem Strafrecht ( Halunken, Gauner, Verräter), oder die Auswüchse ausgrenzender politischer Korrektheit, wie sie zur Zeit vor allem an amerikanischen Universitäten unter dem Stichwort „Cancel Culture“ beobachtet werden können, haben auf dem Pfad der liberalen Ethik keinen Platz. Liberale Ethik soll Brücken bauen, keine Mauern errichten.

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Vor zwölf Jahren habe ich in meinem Buch „Liberale Ethik – Orientierungsversuch im Zeitalter der Globalisierung“ die Idee entwickelt, aus der Sicht des Praktikers Liberalismus und Ethik zu verbinden, und Ansätze für eine liberale Ethik zu entwickeln. Es erfüllt mich mit grosser Befriedigung, dass Liberethica diesen Denkansatz aufgenommen hat, und ich freue mich, meinen Beitrag zu dessen Weiterentwicklung zu leisten.

Peter Wuffli - Kuratorium LiberethicaAutor:
Dr. Peter Wuffli, Verwaltungsrat und Stifter
Mitglied Kuratorium Liberethica.

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